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05.April 2002: Informationen
Charter-Schulen
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Von Gast: "Das deutsche Schulsystem ist seit Veröffentlichung der internationalen Pisa- Schulstudie mehr denn je in der Defensive. Was tun? Die Amerikaner haben seit sechs Jahren die Debatte über das öffentliche Schulwesen um eine neue Variante erweitert: die Charter School. Davon gibt es inzwischen über 2000 mit einer halben Million Schülern. Was ist eine Charterschule?

Sie ist eine öffentliche Schule mit großer Freiheit in der Eigengestaltung und verbindlicher Rechenschaftspflicht. Sie gibt sich ein pädagogisches und inhaltliches Profil und formuliert in ihrem mission statement ihre Ziele. Sie heuert und feuert ihre Lehrer selber. Aber sie darf kein Schulgeld erheben oder nur bestimmte Schüler aufnehmen, muss Basiswissen vermitteln und lernbehinderte Kinder fördern. Dies alles ist Inhalt der ihr auf Zeit verliehenen öffentlichen Charter.

Alles andere ist offen gestaltbar: Ferienregelung, Unterrichtszeiten, Lehrplan, Lernmaterialien, Lehrerqualifikationen und Einstellungsverfahren, Klassengrößen, pädagogische Methoden, Verwaltungsstruktur, Trägerschaft. Ihre Rechenschaftspflicht bezieht sich auf die Leistungsergebnisse der Schüler, gemessen durch standardisierte Schultests. Aber auch Angaben zur Schulabbrecherquote, der täglichen Schüleranwesenheit oder Qualifikation der Lehrenden werden erhoben und vergleichend ausgewertet. Im Grunde ist die Charter also ein Vertrag, eine Zielvereinbarung: Geld gegen Kontrolle. Ohne Leistung keine Charterverlängerung. So etwas ist der öffentlichen Regelschule völlig fremd, und es erstaunt daher wenig, dass die Lehrergewerkschaften gegen die Charterschulen Sturm laufen.

Die Palette der Charterschulen ist breit: Back-to-Basics, Core Curriculum, Phonetics, Montessori oder Waldorf, College- oder Berufsvorbereitung, Hochbegabten- oder Lernbehindertenförderung, At risk-Schüler, technologie-, kunst- oder computerorientierte Lehrpläne. Lasst hundert Blumen blühen. Versuche, private sektiererische und doktrinäre Schulen öffentlich finanzieren zu lassen, scheitern am Gebot der Trennung von Kirche und Staat und dem Verbot der Schülerselektion.

 Charterschulen sind öffentliche Schulen. Die Schulbehörde überweist für jeden Charterschüler genau die Summe, die die öffentliche Regelschule am Ort pro Kind aufwendet.

Die amerikanische Debatte über Charterschulen ist sehr kontrovers. Befürworter erhoffen sich eine Revolutionierung des öffentlichen Schulwesens, die Gegner befürchten dessen Untergang. Denn führen die Charterschüler nicht gewissermaßen ihr Schulgeld im Ranzen mit sich?

Handelt es sich um ein verkapptes Modell von Bildungsgutscheinen, den vouchers? An school choice durch vouchers aber scheiden sich auch in Amerika die Geister. Die Auseinandersetzung gipfelt in der Frage: Schöpfen Charterschulen und Voucherprogramme den Rahm der besten Schüler ab und verarmen so die öffentliche Regelschule? Oder wird die Regelschule gar besser auf Grund der Konkurrenz?

Nein, denn Untersuchungen zeigen, dass gerade unterprivilegierte Schüler mit eher schlechten Noten in der Regelschule oft nicht genügend gefördert werden und sie ihre Leistungen an der Charterschule steigern können. Zumindest für arme schwarze Charterschüler ist das belegt. Aber lernen Charterschüler generell besser und mehr als in der Regelschule? Diese zentrale Frage ist bisher noch nicht eindeutig beantwortbar. Charterschulen sind zu unterschiedlich, die standardisierten Schultests zu neu und die amerikanischen Regelschulen untereinander schlecht vergleichbar.

Können amerikanische Charterschulen ein Vorbild für uns sein?

Der schnelle Verweis auf Systemunterschiede im Bildungswesen beider Länder darf kein Totschlagargument sein. Best-Practice-Anleihen sind international üblich. Nordrhein-Westfalens Plan für 300 selbstständige Schulen ab August 2003 geht in die richtige Richtung.

Bei den deutschen Schulproblemen herrscht weniger ein Erkenntnis- als vielmehr ein Handlungsdefizit: Reformstau eben. Aber: Standardisierte Leistungstest zwischen Schulen, die veröffentlicht werden und Konsequenzen haben - das ist hier zu Lande wohl noch nicht konsensfähig. Und die Devise: Konkurrenz belebt das Geschäft auch im Schulwesen, das ist Amerika pur und für uns schwer verdaulich."

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