Von Gast: "Das deutsche Schulsystem ist seit Veröffentlichung der internationalen Pisa- Schulstudie mehr denn je in der Defensive. Was tun? Die Amerikaner haben seit sechs Jahren die Debatte über das öffentliche Schulwesen um eine neue Variante erweitert: die Charter School. Davon gibt es inzwischen über 2000 mit einer halben Million Schülern. Was ist eine Charterschule?
Sie ist eine öffentliche Schule mit großer Freiheit in der Eigengestaltung
und verbindlicher Rechenschaftspflicht. Sie gibt sich ein pädagogisches und
inhaltliches Profil und formuliert in ihrem mission statement ihre Ziele. Sie
heuert und feuert ihre Lehrer selber. Aber sie darf kein Schulgeld erheben oder
nur bestimmte Schüler aufnehmen, muss Basiswissen vermitteln und lernbehinderte
Kinder fördern. Dies alles ist Inhalt der ihr auf Zeit verliehenen
öffentlichen Charter.
Alles andere ist offen gestaltbar: Ferienregelung, Unterrichtszeiten,
Lehrplan, Lernmaterialien, Lehrerqualifikationen und Einstellungsverfahren,
Klassengrößen, pädagogische Methoden, Verwaltungsstruktur, Trägerschaft.
Ihre Rechenschaftspflicht bezieht sich auf die Leistungsergebnisse der Schüler,
gemessen durch standardisierte Schultests. Aber auch Angaben zur
Schulabbrecherquote, der täglichen Schüleranwesenheit oder Qualifikation der
Lehrenden werden erhoben und vergleichend ausgewertet. Im Grunde ist die Charter
also ein Vertrag, eine Zielvereinbarung: Geld gegen Kontrolle. Ohne Leistung
keine Charterverlängerung. So etwas ist der öffentlichen Regelschule völlig
fremd, und es erstaunt daher wenig, dass die Lehrergewerkschaften gegen die
Charterschulen Sturm laufen.
Die Palette der Charterschulen ist breit: Back-to-Basics, Core Curriculum,
Phonetics, Montessori oder Waldorf, College- oder Berufsvorbereitung,
Hochbegabten- oder Lernbehindertenförderung, At risk-Schüler, technologie-,
kunst- oder computerorientierte Lehrpläne. Lasst hundert Blumen blühen.
Versuche, private sektiererische und doktrinäre Schulen öffentlich finanzieren
zu lassen, scheitern am Gebot der Trennung von Kirche und Staat und dem Verbot
der Schülerselektion.
Charterschulen sind öffentliche Schulen. Die Schulbehörde überweist
für jeden Charterschüler genau die Summe, die die öffentliche Regelschule am
Ort pro Kind aufwendet.
Die amerikanische Debatte über Charterschulen ist sehr kontrovers.
Befürworter erhoffen sich eine Revolutionierung des öffentlichen Schulwesens,
die Gegner befürchten dessen Untergang. Denn führen die Charterschüler nicht
gewissermaßen ihr Schulgeld im Ranzen mit sich?
Handelt es sich um ein verkapptes Modell von Bildungsgutscheinen, den
vouchers? An school choice durch vouchers aber scheiden sich auch in Amerika die
Geister. Die Auseinandersetzung gipfelt in der Frage: Schöpfen Charterschulen
und Voucherprogramme den Rahm der besten Schüler ab und verarmen so die
öffentliche Regelschule? Oder wird die Regelschule gar besser auf Grund der
Konkurrenz?
Nein, denn Untersuchungen zeigen, dass gerade unterprivilegierte Schüler mit
eher schlechten Noten in der Regelschule oft nicht genügend gefördert werden
und sie ihre Leistungen an der Charterschule steigern können. Zumindest für
arme schwarze Charterschüler ist das belegt. Aber lernen Charterschüler
generell besser und mehr als in der Regelschule? Diese zentrale Frage ist bisher
noch nicht eindeutig beantwortbar. Charterschulen sind zu unterschiedlich, die
standardisierten Schultests zu neu und die amerikanischen Regelschulen
untereinander schlecht vergleichbar.
Können amerikanische Charterschulen ein Vorbild für uns sein?
Der schnelle Verweis auf Systemunterschiede im Bildungswesen beider Länder
darf kein Totschlagargument sein. Best-Practice-Anleihen sind international
üblich. Nordrhein-Westfalens Plan für 300 selbstständige Schulen ab August
2003 geht in die richtige Richtung.
Bei den deutschen Schulproblemen herrscht weniger ein Erkenntnis- als
vielmehr ein Handlungsdefizit: Reformstau eben. Aber: Standardisierte
Leistungstest zwischen Schulen, die veröffentlicht werden und Konsequenzen
haben - das ist hier zu Lande wohl noch nicht konsensfähig. Und die Devise:
Konkurrenz belebt das Geschäft auch im Schulwesen, das ist Amerika pur und für
uns schwer verdaulich."
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